Herr Dr. Döpner

Schulleiter des Theodor-Heuss-Gymnasiums
ab dem Schuljahr 2010/2011

Fächer: Latein und Geschichte


WAZ-Kettwig, 9.6.2010

Ein Stück der Welt zeigen
Dr. Thomas Doepner wird neuer Direktor am THG

Henrik Stan

Düsseldorf. Im reizarmen Klima eines schmucklosen Büros des Oberbilker Studienseminars sitzt ein schlanker, blonder Mann und versprüht seinen Esprit. Seine Augen blitzen, sobald er von seinem Beruf erzählt. Davon, dass ihm Unterrichten intellektuellen Genuss bereitet, es keine schwierigen Klassen, Eltern, geschweige denn Schüler gebe. „Schwierig", meint Dr. Thomas Doepner, seien immer nur die Situationen. Und die kann man ja ändern.
    Es gehöre nun mal zum Anforderungsprofil des Lehrers, eine positive, motivierende Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Sein Einrichtungskonzept: Klare Definition der Lehrerrolle, Festlegung eines fairen, transparenten Regelsystems, vor allem aber viel Zeit. „Man muss Energie aufwenden, das ist richtig. Aber wenn die Umsetzung gelingt, versprechen das gemeinsame Lernen, die Interaktion mit Jugendlichen gewinnbringend zu werden."
    Der 45jährige ist ein Motivator, ein begeisterungsfähiger Begeisterer, den die Berufung zum Wissensvermittler erst während des Studiums ereilte. Man sieht ihn vor sich, den Anfang Zwanzigjährigen in seinem Damaskus-Moment. Es war ein doppelter. Denn neben der Entscheidung, seine Scheine in Geschichte fürs erste Staatsexamen umschreiben zu lassen, entschied er sich, nachdem er Catull und Ovid entdeckt hatte, für Latein als zweites Fach. Also auch für Altgriechisch, das Eine gibt's ohne das Andere eben nicht. „Da erkennen Sie mit einem Mal sprachliche und kulturelle Zusammenhänge, das ist unheimlich faszinierend!", den Satz lässt er fast wie Jubel klingen. Den folgenden auch: „Platon in der Übersetzung liest sich furchtbar. Aber sein Griechisch ist erfrischend, natürlich, verständlich." Die Lektüre wird zum Zeitmaschinen-Erlebnis. Ein Humboldtscher Geist habe geherrscht, damals an der Universität zu Köln, eine Atmosphäre, in der humanistische Bildungsideale gedeihen konnten. Prägend für den gebürtigen Niederrheiner, der so gar nichts hat von dem, was Hanns Dieter Hüsch über seine Landsleute erzählte. „Der Niederrheiner weiß ja nix, kann aber alles erklären." Dieser hier weiß eine Menge. Und was er weiß, teilt er freigiebig. „Ein Stück der Welt zeigen" nennt er es. Immer wieder kommt der Vater zweier Kinder auf Bildung zu sprechen. Schule müsse ein Ort sein, an dem mehr als lebenspraktische Dinge verhandelt werden, aber auch keine reine Wissenstankstelle. Vielmehr eine institutionalisierte Anregung, eine eigenständige Persönlichkeit auszubilden. Frei nach Sokrates. Der Mensch trägt das Wissen bereits in sich, man muss ihn nur auf den Erkenntnisweg hinweisen. Niemandem würde Doepner die Fähigkeit zur Selbstentwicklung absprechen. Lernziele: Individualität und Selbstverantwortung. Großartig findet der künftige Direktor am THG deshalb die Kooperation mit dem Lions-Club, dessen Programm „Erwachsen werden" er für eine ideale, weil soziale Ergänzung seines eigenen Vorstellungskatalogs hält. „Lions-Quest habe ich bei einem Wochenend-Seminar kennengelernt", erklärt er. Parallel zu seiner Arbeit in der Lehrerausbildung unterrichtet Doepner derzeit Latein und Geschichte an der Gesamtschule Duisburg-Walsum. Frei von Dünkel erläutert er: „Ich habe gut 30 verschiedene Gymnasien und Gesamtschulen kennengelernt.

Die Unterschiede sind marginal und spielen sich auf der Mikroebene ab; abweichende Verwaltungsvorschriften, Klassen- bzw. Kurseinteilung, Gewohnheiten, ungeschriebene Gesetze." Den drögen Alltag an neuer Wirkungsstätte kennen zu lernen, reizt den passionierten Dauerläufer (Stammstrecke Großenbaum) sehr. „Dieses ,Klein-Klein', das Herumplagen mit den üblichen Unzulänglichkeiten liegt mir. Bestimmend sind nicht nur die großen Gedanken und prinzipiellen Erwägungen, die den Charme eines Ortes ausmachen."
     Nicht die Form, viel mehr das Einzugsgebiet einer Schule entscheide über Erfolg oder Misserfolg. Und in dieser Hinsicht komme Kettwig einer Idealvorstellung schon ziemlich nah. "Ich mag die Atmosphäre. Der eigenständige Charakter gefällt mir sehr. In einem solchen Klima steckt der Nucleus der Gemeinschaft." Und mittendrin das THG, nach allen Seiten vernetzt, mit starken Partnern in Sport und Kultur, mit einer engagierten Eltern- und Bürgerschaft, als Keimzelle eigener Initiativen. "Diese Strukturen zu begreifen ist spannend", freut sich der Pädagoge mit Faible fürs Mittelalter. Eigentlich ist er ein Erforscher von Gemeinschaften. Was lässt soziale Gefüge entstehen, was sie reüssieren oder scheitern? Dieser Kernfrage ging er in seiner Doktorarbeit nach, der Untersuchung des Klosters Altenberg an der Lahn, eines der bedeutendsten Damenstifte des Hochmittelalters. „Das war harte Arbeit, lange bevor ich mit der Recherche beginnen konnte", erinnert er sich. Das Archiv ist nämlich im Besitz der Grafen von Solms-Braunfels, seine Nutzung auf einen exklusiven Personenkreis beschränkt. Aber überzeugen kann Doepner ja. Und da auch Hartnäckigkeit zu seinen Stärken zählt, öffneten sich schließlich die Türen zu Akten und Urkunden. „Ich wollte herausfinden, wie sich der religiös durchwebte Alltag auf Stift und Ort auswirkte." Dabei trat Erstaunliches zutage. Äbtissin Gertruds Mutter war die Heilige Elisabeth von Thüringen. „In der Vorstellung ihrer Zeitgenossen übertrug sich diese Heiligkeit auf die Tochter." Fast einträglicher als Reliquien, Pilger brachten Wohlstand.
     Doepner schildert die Episode sachlich, aber mit Verve, fast wuchtig. Sofort stellen sich Bilder ein, Neugier ist geweckt. Und man ist versucht zu sagen: Da hat sich einer den richtigen Job ausgesucht. „Unterrichten macht Spaß", das ist sein Credo. Er will es trotz der fast tagesfüllenden Aufgaben als Direktor so oft wie möglich tun. „Man darf den Kontakt zum Kern der Arbeit nicht verlieren, muss wissen, wie man Schule gestaltet." Unzulänglichkeiten des Alltags inklusive.

ZUR PERSON

Beim Metal-Konzert
Dr. Thomas Doepner (45) wurde in Kleve geboren, wuchs in Ratingen auf und lebt in Duisburg. Er ist verheiratet, Vater einer Tochter und eines Sohns, den er gern zu Metal-Konzerten begleitet. Doepners Lieblingsband heißt Grateful Dead. Die hat er allerdings nie live gesehen. „Als sie das letzte Mal vor dem Tod von lerry Garcia in Europa waren, saß ich über meiner Dissertation", spricht's und ärgert sich verhalten. So begnügt er sich mit dem Nachlass der Gruppe, einem unendlichen Klang-Kosmos, mitgeschnitten von Fans und als vielleicht größtes Musik-Archiv aller Zeiten jedermann zugänglich.