T A K E - C A R E

 

"Take care of your ears"
Projekt zur Gehörprävention in Klasse 5

In den Jahren 1999-2001 war das THG die erste Pilotschule bei der Entwicklung der Unterrichtseinheiten zur "Take care of your ears". Dieses Projekt entstand aus einer Initiative, an der u. a. die Berufsverbände der deutschen Ohrenärzte sowie der Gehörgeräte-Akustiker beteiligt waren. Das Resultat dieser Arbeit war eine Unterrichtsreihe, deren Materialpaket in einer Auflage von 10.000 Exemplaren veröffentlicht und an die deutschen Schulen verteilt wurde. Auch im Ausland (Spanien, Tschechei) erschienen übersetzte Fassungen.

Seitdem ist der Schutz des Gehörs ein fester Bestandteil des Musikunterrichts am THG. In Klasse 6 lernen die Schülerinnen und Schüler zunächst im Biologieunterricht die physiologischen Eigenschaften der Hörorgane kennen. Dann erleben sie die vielfältigen Möglichkeiten des Hörsinns in einem eigenen Ohrentag. Tipps und Tricks um das Ohr zu schützen und manchmal auch ein eigener Take-Care-Song der Klasse runden das Projekt ab.


RHEINISCHE POST, Donnerstag, 2. September 1999

Ein Schulprojekt soll einem besonders verletzbaren Organ höhere Achtung verschaffen

Mit den Ohren genießen lernen

Aufgehorcht: Fünftklässler Christoph konzentriert sich auf seinen Hörtest.

Fotos: Jürgen Bauer
Diese Stille bewegt. Im Klassenraum spitzen 30 Kinder die Ohren. Die Spielszene beginnt: Ein Warnsignal
durchbricht die Ruhe. Zwei der Kinder werfen sich auf den Boden, zwei andere bleiben stehen. Die Explosion wird ihnen, den Tauben im Spiel, zum Verhängnis. Wieder kehrt Stille ein. Bis die Zuschauer in Applaus ausbrechen. Hör-Unterricht in einer fünften Klasse.

Justin, Lynn, Christoph und Hanna gefällt die Musikstunde. Sie und ihre Klassenkameraden der 5a am Theodor-Heuss-Gymnasium in Essen-Kettwig haben zwar an diesem Tag Musik auf dem Stundenplan, doch irgendwie ist doch alles etwas Besonderes. "Wir wollen den Kindern zeigen, wie toll das Ohr ist", erklärt Lehrer Goswin Stübe, der die Unterrichtsreihe entwickelt hat. Spielerisch soll entdeckt werden, was das Hörorgan alles leisten kann und wie das Ohr gegen Schäden durch laute Musik, Spielzeugpistolen und Knallkörper geschützt wird. Das Pilotprojekt der Fördergemeinschaft Take care of your ears" wird unterstützt durch die Betriebskrankenkasse Novitas.

Neueste Untersuchungen belegen den Trend, dass immer mehr Kinder und Jugendliche durch falschen "Umgang" mit den Ohren zum Teil irreparable Schäden davontragen. Werner Pütz von der Uni Essen, der das Projekt wissenschaftlich betreut, hofft deshalb auf einen hohen Nutzwert der neuen Unterrichts-Konzeption. "Wir wollen damit nicht alle Probleme lösen. Die Kinder sollen Erfahrungen mit ihren Ohren machen, nicht mit Belehrungen."

Die Projektinitiatoren hoffen, dass sich die Eltern und auch andere Lehrer für die "Take eare of your ears"-Reihe interessieren. Für die folgenden Schuljahre sind Unterrichtskonzepte bereits in Vorbereitung.

Im Kopfhörer lauern für Pütz die größten Gefahren, auch wenn er ihn nicht allgemein verdammen will. "Gerade, wenn ein Kinderohr über Kopfhörer Musik hört, wird das Ohr eingeschränkt: In einem Raum kann sich das Ohr anpassen
und reagieren, mit dem Kopfhörer entziehe ich dem Ohr seine Möglichkeiten." Im Kettwiger Klassenzimmer ist es mittlerweile wieder ganz still geworden. Leise beginnt Wind zu pfeifen. Gespanntes Zuhören. Aus der Ferne nähert sich ein Grollen. "Ein Gewitter", flüstert Justin seinem Nachbarn ins Ohr. Donner und prasselnder Regen folgen.

Zu Hause gibt es bei den Fünftklässlern so etwas nicht vom Band. "Am liebsten Hiphop", erzählt Justin. Christoph, Lynn und Hanna nicken. Es muss zwar nicht Hiphop sein, doch Musik, auch gerne mit Kopfhörer, ist klasse. Dass einer ihrer Freunde durch eine abgefeuerte Spielzeugpistole jetzt schlecht hören kann, macht die Kinder schon nachdenklich.

Genau diese Nachdenklichkeit wünscht sich der Musiklehrer. Der erhobene Zeigefinger ist dabei nicht gefragt. Statt Sachinformationen, trockenem Lehrstoff und Tafelabschreiben gibt es Spielerisches und Sinnliches.

So wandern die Kinder mit verbundenen Augen durch einen Hindernisparcours, der "nur" Hörreize bereit hält. So werden mit den Ohren Geschichten erlebt. Das "Take eare of your ears"-Lied eröffnet jeweils die Stunde. "Ein Song für unsere Ohren, der Tür zur Welt, zum Klang des Lebens", heißt es dort.

Am Ende der ganzen Reihe werden einige Tricks verraten, wie man das Ohr schützen kann. Und diese Tricks, so scheint es nach den ersten Stunden des Pilotprojektes, werden sich Justin, Hanna und Co. nicht entgehen lassen. Auch wenn nur ein Bruchteil des Musikunterrichts hängen bleiben sollte: Die Schüler wissen zumindest, zu welchen Leistungen ihr Ohr fähig ist.

Das, so resümiert der Musikpädagoge Pütz, sei doch auch für jeden Anderen eine tolle Aufgabe für daheim: Einmal die feinen Unterschiede schätzen zu lernen, die das Ohr treffen kann: "Genau das ist es, was Genuss verschafft."
ELMAR KRAMER
Hören hilft, den Weg zu finden. Im Unterricht wird auch in Spielszenen erprobt, zu welchen Leistungen das Ohr fähig ist.




"Unterrichtsbausteine Take care of your ears"

Die im Folgenden beschriebene Unterrichtskonzeption ist ein Projekt der Fördergemeinschaft "Take care of your ears", einer Initiative des deutschen Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, die vom Bundesministerium für Gesundheit unterstützt wird. Die Grundidee, im Musikunterricht Gehörprävention zum Thema zu machen, stammt von Dr. Michael Strahl, dem Landesvorsitzenden des Berufsverbandes der HNO-Ärzte. Die Unterrichtskonzeption wurde gemeinsam vom Krefelder Musiktherapeuten Martin Kusatz und dem Essener Musiklehrer Dr. Goswin Stübe entwickelt, letzterer führte sie auch zum ersten Mal praktisch im Unterricht durch. Diese Durchführung wurde von Prof. Dr. Werner Pütz vom Fachbereich Musikpädagogik an der Universität Essen wissenschaftlich begleitet.


Das Gesamtziel der "Unterrichtsbausteine Take care of your ears" liegt darin, auf das Verhältnis einzuwirken, das die Schülerinnen und Schüler zum Sinnesorgan Ohr besitzen. Sie sollen ein Bewusstsein für die fundamentale Rolle des Hörens im menschlichen Leben entwickeln. Aus dieser Haltung heraus sollen sie sich auch langfristig den Belangen der Ohren entsprechend verhalten.


Dabei wird von der Annahme ausgegangen, dass erfolgversprechende Präventionsarbeit in erster Linie auf einem positiv-emotionalen Erleben des zu schützenden Bereiches (hier: des Hörsinnes und des Hörorgans) aufbaut. Hören soll erlebt werden als Grundlage für einen normalen Lebensvollzug; es besitzt eine Schutzfunktion innerhalb der Umwelt, eröffnet den Zugang zu lustvoller akustischer Umwelterfahrung und ist eine Voraussetzung zum "Dazu-ge-hören" in der sozialen Gruppe. Die positiv erlebte Erfahrung dieser Dimensionen wird als das Fundament angesehen, auf dem eine langfristige Verhaltensmodifikation aufbauen kann. Der Musikunterricht eröffnet die besondere Chance, diese Erfahrungen in der Schule selbst zu machen.

Die Konzeption geht von zwei Unterrichtsreihen aus, von denen sich jede aus einer Folge relativ kurzer Unterrichtseinheiten (eine bis höchstens drei Unterrichtsstunden pro Unterrichtseinheit) zusammensetzt. Dies ermöglicht Abwechslung und hilft Ermüdungserscheinungen zu vermeiden, die sich für das Gesamtvorhaben negativ auswirken könnten. Die erste Unterrichtsreihe sollte möglichst direkt zu Beginn der Klasse 5 liegen, die zweite am Ende der Klasse 6.


Zentrales Anliegen der ersten Unterrichtsreihe ist es, dass die Kinder die akustische Umwelt möglichst positiv und emotional intensiv erfahren. Demzufolge stehen hier Unterrichtseinheiten im Mittelpunkt, die die einzelnen Aspekte der Hörwelt auf zum Teil spielerische Weise aktiv handelnd erleben lassen. Daran anschließend wird in nur einer Stunde über die wichtigsten Verhaltensweisen gesprochen, die den Hörsinn schützen können.


Die Unterrichtseinheiten der zweiten Reihe sollten am Ende der Klasse 6 (bzw., wenn dies nicht möglich war, zu Beginn der Klasse 7) durchgeführt werden, da sie eines weiteren intellektuellen Verstehenshorizontes bedürfen und möglichst direkt in die Pubertät hinein wirken sollen.


Die Unterrichtseinheiten der ersten Unterrichtsreihe

I "Nachts im Wald - Ohren können sehen" - Einstieg in das Thema, selektives und räumliches Hören

Hier geht es zunächst einmal darum, das Thema Hören ins Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler zu bringen und als Gegenstand des Unterrichts einzuführen. Da es sich um den Einstieg in die gesamte Reihe handelt, spielt die motivationale Komponente eine zentrale Rolle. Deshalb wurde ein Spiel gewählt, bei dem ganzheitlich handelnd die Leistungsfähigkeit des Gehörs beim selektiven Hören (Klangfarbenunterscheidung) und bei der räumlichen Orientierung (Richtungsbestimmung) erfahren werden kann.

II "Wie die Flöhe husten - Mit den Ohren raten und erkennen" - Die Feindifferenzierung des Hörens erleben

Die Schülerinnen und Schüler üben in dieser Einheit intensiv zuzuhören und feinste Klangnuancen wahrzunehmen. Die Leistungsfähigkeit des Gehörs soll so in das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler gehoben werden. Hierzu dienen spielerische Übungen, bei denen die Kinder selbst Geräusche produzieren und erkennen.


III "Alarm, Alarm! - Sich mit den Ohren schützen" - Hören als Informationsquelle mit Schutzfunktion

In dieser Einheit sollen die Schülerinnen und Schüler die Rolle des Hörsinnes bei der Aufnahme von akustischen Ereignissen, die auf drohende Gefahren hinweisen, begreifen. Solche akustischen Ereignisse können Reaktionen auslösen, die mitunter lebenserhaltende Funktionen besitzen (z.B. das Stehenbleiben bzw. Um-sich-Schauen des Fußgängers nach einem Hupen im Straßenverkehr). Um dies möglichst ganzheitlich und damit intensiv erleben zu lassen, soll eine szenische Pantomimendarstellung erfolgen.


IV "Ich höre auch, was du nicht sagst! - Mit den Ohren Gefühle erkennen" - Hören in seiner sozialen Funktion zur Kommunikation von emotionalen Botschaften

Hier geht es um die Übermittlung von Gefühlen im Bereich der auditiven Kommunikation. Die Schülerinnen und Schüler sollen am Beispiel der Sprache erleben, wie der Sprachgestus (Melodik, Rhythmik, Dynamik) und die Klangfärbung emotionale Qualitäten übermitteln, unabhängig von der semantischen Bedeutung des Gesagten. Dazu bekommen sie die Aufnahme eines in verschiedener Art gesprochenen, inhaltlich neutralen Satzes ("So jemand wie dich habe ich noch nie gesehen"), dessen emotionale Wirkung sie einschätzen und vorgegebenen Begriffen zuordnen sollen.


V "Fernsehen ohne Bild - Mit den Ohren Geschichten erleben" - Die assoziativ-emotionale Wirkung des Hörens

Hier geht es um die Wirkung, die die Geräusche der Umgebung im Hörer erzeugen. Die Kinder hören dazu eine Folge von Geräuschen, wie sie z. B. in einem Krimi auftauchen könnten. Sie sollen dazu eine passende Geschichte schreiben und somit die empfundenen Emotionen sprachlich gestalten.

VI "Wenn Klänge Flügel wachsen lassen - Mit den Ohren genießen und träumen" - Hören von Entspannungsmusik

Hier können die Schülerinnen und Schüler die Wirkung von Entspannungsmusik erleben und so erfahren, wie man Musik als Mittel zum Träumen und zur Beeinflussung der eigenen Befindlichkeit einsetzen kann. Die Vermittlung dieses in der Regel lustvoll erfahrenen Hörerlebnisses stellt den letzten Baustein bei der Erfassung der Vielfalt einer schützenswerten Hörwelt dar.

VII "Take care of your ears - Die Leistung der Ohren bewahren" - Einige Tricks um das Ohr zu schützen

Ausgehend von einer ersten Rekapitulation der Inhalte der Unterrichtsreihe und damit dem Hinweis auf Vielfalt und Wichtigkeit unserer Hörwelt sollen die Schülerinnen und Schüler nun die wichtigsten Verhaltensweise erfahren, die sie zur Vermeidung von Gehörschäden kennen sollten. Damit dies möglichst spielerisch und ohne den "erhobenen Zeigefinger" geschieht, erhalten die Kinder die Informationen in Form eines Comics, den sie gemeinsam mit dem Lehrer im Unterricht besprechen.

VIII Song "Take care of your ears"

Die Kinder singen den eigens für die Unterrichtsreihe entwickelten und produzierten Song "Take care of your ears." Zu ihm dichten sie in Gruppenarbeit weitere Strophen, in denen die Erlebnisse der einzelnen Unterrichtseinheiten zusammengefasst sind. Diese "Klassenfassung" wird am Ende von der ganzen Lerngruppe gesungen und im Musikhefter aufbewahrt.

copyright © 2001 by scasy