L E S E N A C H T

Lesenacht


WAZ-Kettwig , 29.04.1999

Von Schlafsäcken und einem bösen Müller

THG-Fünftklässler lesen eine Nacht lang

KETTWIG- Schlafsäcke rascheln, es wird gekichert dann herrscht Ruhe. Mit düsterer Stimme liest Uwe Schröder vor, wie Krabbatt, der Müllerslehrling, von seinem bösen Meister verflucht wird.

Über 30 Kinder, eingekuschelt in warme Decken, lauschen gespannt der Geschichte von Ottfried Preußler.
Es ist kurz vor Mitternacht. Nur noch ein Raum des Theodor-Heuss- Gymnasiums ist erleuchtet - darin Schüler der fünften Jahrgangsstufe und
ihr Deutschlehrer Uwe Schröder,
allesamt in Schlafanzügen. In dieser Freitagnacht, vom 23. auf den 24. April, dürfen die Zehn-und Elfjährigen solange aufbleiben wie sie wollen - allerdings nicht zum Fernsehen, sondern zum Lesen. "Der Welttag des Buches gab den Ausschlag, die Lesenacht zu veranstalten", erklärt Schröder. Zum zweiten Mal unternimmt der Pädagoge eine nächtliche Expedition ins Reich der Bücher. "Ich kann nicht jedes der Kinder fürs Lesen begeistern", erklärt er realistisch", aber die Schule soll eine
Alternative zum TV bieten." "Freunde der Nacht", verkündet Schröder gleich zu Beginn," eine Stunde werde ich vorlesen, dann könnt ihr euch schlafen legen oder weiterschmökem." Schnell fesselt die Handlung des Romans, entführt in Preußlers rauh-romantische Welt und wirft Fragen des Erwachsenwerdens auf. Dann plötzlich geht das Licht an, ein Schüler mault: "Ich muß aufs Klo."
Bis zu Krabbats Fluchtversuchen kommen viele noch, dann fallen den meisten der kleinen Zuhörer die Augen zu... C.B.

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